Dinge ereignen sich auch da, wo ich sie nicht sehe.

 

"Eigentlich ist alles schon gemacht. Man könnte gerade einpacken."

Beeindruckt steht Maja Rieder vor den Shaped Canvas von Frank Stella. Namentlich  Ifafa II, 1964, fesselt sie durch seine raffinierten Schlichtheit und objekthafte Präsenz. Zu sehen sind zwei aneinander geschobenen, winkelförmige Leinwände , die eine hell, die andere dunkelgrün, die zusammen eine Pfeilform bilden. Die feinen, parallelen Linien sind nicht gezogen, sondern wurden ausgespart, so dass die Leinwand zwischen dem streifenartigen Farbauftrag durchdringt. Bald scheint es, die beiden Winkelformen stünden für sich, bald vereinen sie sich zu einer pfeilförmigen Struktur mit der Spitze nach unten. Ifafa II ist eine agile Erscheinung, die unseren Blick irritiert und die Gedanken durch die Möglichkeiten der Leseart bewegt.

Viel von dem, was Maja Rieder in ihrer Arbeit umtreibt, steckt in diesem Werk. Scheinbar sind die Fragestellungen ähnlich, wie etwa der Umgang mit dem Material, die Reduktion der künstlerischen Mittel, die geometrische Formensprache, das Sprengen der Bildformate u.v.m.

 

Ihre Arbeit sei ein unspektakulär fortlaufender Prozess. Ein Fortschreiten von etwas, das, einmal in Gang gebracht, sich entwickelt und aus sich heraus fortpflanzt. Aus einer Zeichnung entsteht die nächste, ein gefalteter Papierbogen setzt sich im nächsten fort oder variiert dazu in spielerischer Abweichung. Für diese Art von Variation sucht sie die Inspiration im Material, im Malmedium, im Bildformat oder in der Qualität des Bildträgers. Die Träger können klein- oder grossformatige Bogen oder aneinander stossende Papierbahnen sein, die auf die jeweils ortsspezifischen Masse abgestimmt sind. Damit wird angedeutet, dass die Künstlerin gerne ortsspezifisch und installativ arbeitet, was vielleicht ein Merkmal ihrer Generation ist. Das Spezifische ihres Zugriffes ist dennoch das zeichnerische Medium. Grossflächige Werke setzten sich häufig auch aus einzeln bezeichneten kleinen und mittelfromatigen Papierformaten zusammen. Erst auf der Wand fügen sie sich zu einer zusammenhängenden, grossen Fläche zusammen. Überraschend dabei sind die an den Schnittstellen der Formate entstehenden Übergänge von abbrechenden und übergreifenden Flächen und Linien der dadurch entstehenden fraktalen Perspektivwirkung.

 

„Beim Zeichnen habe ich eine Absicht. Beim Verfolgen dieser Absicht geschieht dann etwas darüber hinaus, das Unbeabsichtigte kommt dazu.“

 

Neben den ortsspezifischen Kriterien prägen häufig reduzierte, geometrische Strukturen und Grundformen die Arbeit. So können zwei sich kreuzende Diagonalen, gitterartig verdichtete Linien oder formatübergreifende Bandstrukturen den Rahmen bilden. Anregungen dazu liefern eine aufgefaltete Milchpackung und ähnliche dem Alltag entliehen Faltsysteme ebenso wie bereits etablierte akademische Zeichen-Systeme. In beiden Fällen verwandelt Maja Rieder die versteckte Geometrie und übersetzt sie auf dem Papier in eigenwillige abstrakte Gefüge und einfache Gesten.

 

„Zeichnung ist für mich positiv-negativ, ist schwarz-weiss denken, ist eine klare Aussage.“

 

Maja Rieder arbeitet mit unterschiedlichen Zeichenmitteln, deren jeweilige Qualitäten sie auslotet. Das Grafit wird in den oft grossformatigen Zeichnungen wie eine Schicht aufgetragen oder als Pulver ins Papier eingerieben. Die vorher genau umrissenen Flächen erhalten einen metallisch opaken Schimmer. Bedingt durch das staubig-fettige Pigment verlaufen die Konturen dabei wolkig und unscharf, ausgefranst. Dieses Spiel von Kontrolle und Unvorhergesehenem macht den Reiz der Übergänge von der weissen Fläche des Trägermaterials und der Farbschicht aus. Medium und Träger werden bisweilen auch zu Gegensätzen: Das Papier ist manchmal sehr fein, fast durchschimmernd, während die Farbe sehr bestimmt auftritt. Die grossen Papierbahnen, die sich auf der Wand schichten und beweglich überlappen, wirken fragil und gleichzeitig klar gesetzt. Sie ragen manchmal leicht in den Raum hinein und berühren dabei Decke und Boden. Im Idealfall entsteht so ein Gleichgewicht aller Kräfte, ohne dass sich ein Element zu stark in den Vordergrund schiebt. Die Zeichnung als Ganzes hält in sich und darf nicht ins Wanken kommen.

 

Um sich über das eigene Tun Klarheit zu verschaffen, hat die Künstlerin ein kleines Manifest verfasst. Darin definiert sie den Ort der Zeichnung, den man auch als Bildträger mit seinen gegebenen räumlichen Begrenzungen bezeichnen könnte, als eine Art Interieur mit bestimmten Strukturen wie Wände, Ränder, Volumen. Dieser Ort der Zeichnung führt aber in eine imaginäre, offene Welt, während der tatsächliche Innenraum ein sich immer gleichbleibendes Inneres umschliesst. Die Künstlerin formuliert es in ihrem Text so:

 

„Der Ort der Zeichnung ist ein freier Raum.

Durch die Zeichnung kommen die Dinge in einen neuen Raum und dort in einen neuen Zusammenhang. Sie können sich lösen von ihrer festgelegten Erscheinung und ihren Eigenschaften. Sie verändern sich.

 

Zurück zu Ifafa II, 1964: hier entstand für Maja Rieder aus einem Gefühl von in Form übersetzter, kühner Freiheit ein bleibender Nachklang. Was sich in den grossformatigen Werken Stellas manifestiert, ist bereits in seinen frühen Zeichnungen als ein Ausloten und Verschieben von Grenzen wahrnehmbar. Stella hat sich als jünger Künstler, den gängigen Vorstellungen zum Trotz, einen eigenen Zugang angelegt. Indem er das Bildzentrum ausserhalb des Bildes wählte, kam er folgerichtig dazu, das Bildformat zu durchbrechen und in den Shaped Canvases ganz aufzulösen.

Ist damit alles schon gemacht und zu Ende gedacht?

In seinem Umgang und zeichnerischen Denken, dem Überschreiten von Normen und etablierten Vorgehen erkennt sich Maja Rieder wieder. Durch eine kleine Abweichung in einer geraden Bleistiftlinie, wird jede folgende dazu parallele Linie in ihrem Verlauf gestört und es entsteht eine komplett veränderte Struktur.

Die Künstlerin selbst formuliert in ihrem Manifest:

“Beim Zeichnen heisst frei sein  keine Absichten haben. Über der Zeichnung liegt eine grössere, unsichtbare Zeichnung, die Vorstellung, das Gespür für die Zeichnung. Diese übergreift das Papier und schafft den Raum, in dem die Zeichnung entsteht. Die grössere, darüber liegende Zeichnung nehme ich als Grundlage. Eine Umkehrung.

Die Grundlage kann ich in der Vorstellung anschauen. Das Bild, das ich da sehe hinterlässt einen Eindruck. Der Eindruck ist die Spur der ich folge. Die grössere Zeichnung soll sich in der darunterliegenden Zeichnung ablegen.

Dies ist meine Absicht.“

 

Die Absicht allerdings ist nie linear auf das Ziel ausgerichtet. Das würde nicht Maja Rieders Auffassung des Mediums entsprechen :

Die Vorlage weckt eine Vorstellung, was in der Zeichnung entstehen kann, eine Erwartung. Das, was beim Zeichnen tatsächlich entsteht, ist nicht was ich mir vorgestellt habe. Die Zeichnung erfüllt nicht die Erwartung. Die Zeichnung soll keine Erwartung erfüllen.“

 

Wesentlich ist namentlich etwas ganz anderes :

„Der Ort der Zeichnung ist ein freier Raum. In den Freiräumen geschieht, was sich nicht ausdenken lässt.“